Allgemeine Anthroposophische
Gesellschaft Nachrichten für Mitglieder 
Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht
Diskrepanzen
15. Januar 2o1o
Nachrichtenblatt Nr.3

Hermann Bauer beobachtet in der anthroposophischen Bewegung

zwei sehr unterschiedliche
Ansätze im Umgang mit der Anthroposophie. Dies führt leicht zu Spannungen.
lm fogenden Diskussionsbeitrag schildert Bauer die beiden Ansätze sowie Schritte,
die in Richtung einer Überwindung der Diskrepanzen führen können.
Anthroposophische Bewegung - wohin?


Im Gesamtwerk Rudolf Steiners scheint es
 eine merkwürdige Diskrepanz zu geben,
auf die auch immer wieder hingewiesen
wird: In den eigentlichen anthroposophischen
Schriften und Vorträgen steht der
Mensch, der nur das,gewöhnliche Bewusstsein,
hat, ganz unten auf einer hierarchischen
Leiter von erhabenen Geistwesen.
Sein Denken ist unlebendig, ja leichnamhaft,
sein Fühlen ist träumend, sein
Wollen unbewusst, und er selbst ist nur
Bild seines wahren lch-Wesens. Seine Sinneswahrnehmungen
sind nur Maja, sind
Schein, und daran ist sein Verstand gefesselt.-
Man neigt auch dazu, Resultate
gegenwärtiger Geistesforscher, die
bisher nicht im anthroposophi,-
schen Geistgebäude existierten,
mit viel Skepsis zu betrachten.
 Er muss noch intensiv daran arbeiten,
um ein richtiger Mensch zu werden, und
diese Arbeit beginnt mit dem Studium des
riesigen Gesamtwerks Anthroposophie.
Das alles ist mit Zitaten aus dem Werk Rudolf
Steiners zu belegen und ist nicht unmittel-
bar geeignet, das Selbstbewusstsein
der auf das gewöhnliche Bewusstsein beschränkten
Menschen zu heben, sondern
eher, es zu dämpfen.
Da bei klingt es doch in der , Philosophie
der Freiheit' ganz anders. Da kann der gesamte
Weltinhalt zum Gedankeninhalt
werden, und ich selbst als Denkender bin
ein Objekt, bei dem ich den Sinn des Daseins
aus mir als Objekt selbst schöpfen
kann. Das Denken vollendet für uns die
Wahrnehmung zur Wirklichkeit. Unser Wille
ist frei, weil wir in Liebe getauchte lntuitionen
unseres Denkens verwirklichen
können
Hier scheint tatsächlich eine Diskrepanz
vorzuliegeh, und man kann fragen,wie sie
zu verstehen und ob sie zu überwinden ist.
Wie man dabei vorgeht, hängt wesentlich
davon ab, worauf man das Hauptgewicht
legt. lm Extrem führt das zu zwei entgegen
gesetzten Ansätzen.


Zwei Ansätze

Mancher, der sich lange und intensiv
dem Studium der Anthroposophie hingegeben
hat, sich frei darin bewegen kann,
einmannigfaltiges Beziehungsgewebe gefunden
hat und immer weiter findet, wird
dazu neigen, die eigentliche Anthroposophie
in den Vordergrund zu stellen und die
,Philosophie der Freiheit, als eine Art ideell
-begriffliches Vorspiel zum wesen haften
esoterischen Hintergrund aufzufassen.
Ganz extrem gesagt: Der Weg zum freien
Geist im Sinne der , Philosophie der Freiheit,
führt streng genommen über die
Schwelle der geistigen Welt, führt für die
meisten Menschen also weit in dieZukunft
hinein. Die oben erwähnten, das Selbstbewusstsein
eher dämpfenden Charakterisierungen
kennzeichnen dann nur den bescheidenen
Beginn eines langen, langsamen
Aufstiegs in die Geistwelt, der mit
dem Studium begonnen hat.
Diesem mehr,bewahrenden, Ansatz
steht eine Haltung gegenüber, die vor allem
verändern und verwandeln will. Hier
ist die,Philosophie der Freiheit, das fundamentale
Werk.Wirken aus eigenen Einsichten
und ldealen ist das befreiende Schlüsselwort
für das Leben. Keine Regeln und
 Vorschriften von außen,sondern nurdie individuellen
lntuitionen dürfen das Handeln
bestimmen. Man braucht der gegenwärtigen
Welt nicht ablehnend gegenüberzustehen,
sondern kann Verständnis
und Kontakt mit anderen Strömungen der
Kultur und des sozialen Lebens suchen,
kann das Gemeinsame als Verbindendes
erleben und viel Toleranz und Anerkennung
für Andersartiges entwickeln. Es ist
vor allem wichtig, Zeitgenosse zu sein. Der
Anthroposophie als bloßer ,Lehre, steht
man bei diesem Ansatz oft etwas distanziert
gegenüber. Sie wird mehr als Mittel
betrachtet, um soziale Kräfte von Mensch
zu Mensch zu entfalten. Das, was das
Selbstbewusstsein dämpfen könnte, ist
nicht so entscheidend und soll durch die
Praxis ausgeglichen werden.
Umgekehrt als bei dem bewahrenden
Ansatz sieht man in extremer Sicht in der
rPhilosophie der Freiheit, im Prinzip schon
die ganze Anthroposophie angelegt. Das
reine Denken ist da eigentlich schon Geistesschau,
und ins äußerste Extrem getrieben
ist die ganze Anthroposophie nur eine
bildhafte, gleichnishafte Ausgestaltung
des menschlichen Seelenlebens, wie es in
der ,Philosophie der Freiheitr beobachtet
und geschildert wird. Man ist dann in Einzelfällen
sogar bereit, zentrale Substanz
der anthroposophischen Lehre infrage zu
stellen und ganz andere individuelle innere
Erlebnisse in derVordergrund zu rücken
und zu verkünden.
Das sind, wie gesagt, extreme Ansätze
und Haltungen, zu denen es alle Zwischenstufen
gibt. Aus den extremen Ansätzen
können leicht Spannungen entstehen,
die sich in Begriffen wie Konservative

oder ,Orthodoxe, einerseits und .Aktionisten

oder gar Verräter, andererseits
entladen. Es ist daher naheliegend, dass
man -ohne alle Besserwisserei -versucht,
Einseitigkeiten dieser Ansätze zu erkennen
und sie zu ergänzen, um ein tieferes
Verständnis für die geschilderte Diskrepanz
zu gewinnen, und daraus Zukunftsimpulse
zu schöpfen.


Schritte aufeinander zu.-


Bei der ersten Haltung entsteht leicht
die Tendenz, die Anthroposophie als ein
unantastbares Canzes vor der übrigen
Welt abzuschirmen, was dann auch die eigene
Einstellung zu dieser Welt beeinflusst:
Man steht ihr dann mit - durchaus
berechtigter- Kritik gegenüber,findet a ber
oft keine Aktivitäten zum Besseren hin,
wodurch leicht der Eindruck von überheblichkeit
erweckt wird. Man neigt auch
dazu, Resultate gegenwärtiger Geistesforscher,
die bisher nicht im anthroposophischen
Geistgebäude existierten, mit viel
Skepsis zu betrachten.
Der wichtigste Schritt ist es hier, die Anthroposophie
freilassend in die Welt zu
tragen, damit sie Kulturgut wird, wozu
noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft
sind. Andererseits sollte man
auch die gründliche, sorgfältige, vorurteilsfreie
Prüfungsarbeit, die Steiner für
seine eigene Geistesforschung verlangt,
unbefa ngen auf die neueren Forschungen
übertragen.
Die moralische Intuition kann aIso
auch auf aII dem aufbauen,
was man in dieser Weise eingesehen
hat, ist folgtich keineswegs
nur auf das angewiesen, was das
<gewöhnliche Bewusstsein, aus
sich selbst hervorbringen kAnn.
Die andere Haltung führt zu viel Aktivität
in der Welt. Sie neigt aber zuweilen
dazu, in der moralischen lntuition nur das
zu sehen, was einem in einer bestimmten
Lebenssituation gleichsam spontan innerlich
aufsteigt,um nicht zu sagen,eintällt,.
Das ist aber zu einseitig.Zur freien Handlung
 gehört die Erkenntnis, und zwar nicht
n u r das, wozu es unsere gewöhnliche Zivi-
lisation, gebracht hat.
Man denke sich die konkrete Situation
eines Waldorflehrers, der ein Problem mit
einer Klasse oder mit einem Schüler hat
und der vielleicht rasch eine Entscheidung
treffen muss. Er wird das kaum in Freiheit,
also auch aus Einsicht können, wenn er
sich nicht die Menschenkunde erarbeitet
hat, die Crundlage der Waldorfpädagogik
ist. Dabei braucht er nicht selbst Geistesforscher
 zu sein, denn die Resultate dieser
Forschung sind, wie Steiner immer und immer
wieder betont, durch das ,gewöhnliche
Denken, einsehbar.
Die moralische Intuition kann also auch
auf all dem aufbauen, was man in dieser
Weise eingesehen hat, ist folglich keineswegs
nur auf das angewiesen,was das,gewöhnliche
Bewusstsein, aus sich selbst
hervorbringen kann. Solche Crundlagen
werden für die lntuitionen auch immer nötiger.
Das führt nicht zu weniger, sondern
zu mehr wirklicher Freiheit. lnsofern wies
die,Philosophie der Freiheit, bei ihrer Entsteh-
ung tatsächlich in die Zukunft.
Zu Steiners Zeiten konnte man noch auf
überliefertes geistiges Gut, wie christliche
Tradition, klassische Literatur und philosophischen
ldealismus bauen, in unseren
komplizierten Zeitverhältnissen wird Anthroposophie
als Grundlage des moralischen
Handelns immer notwendiger.-


Toleranz und Dialog.-

Diese Crundlage kann nicht außer Acht
gelassen werden, und,das hat nichts mit
lntoleranz zu tun.Toleranz gehört ganz wesentlich
in den Bereich des Seelischen und
des menschlichen Miteinanders. Sie gehört
aber nicht ins Reich des Geistes und
der Wahrheit. Sicher gibt es über eine Sache
viele Aspekte der Wahrheit, aber oft
gibt es auch viele Unwahrheiten über sie,
und es kann keine Toleranz gegenüber der
Unwahrheit als solcher geben. Man denke
an anthroposophische Grundwahrheiten
wie Reinkarnation, Christologie und Entwicklung
von Mensch und Welt. Sie sind
bestimrnt nicht mit Worten exakt fixierbar.
Aber ein Mensch kann klar ausdrücken,
dass er sie dezidiert ablehnt. Diesem kann
ich die volle Achtung, ja Liebe entgegenbringen
(wie es das Vorspiel zu Steiners
Mysteriendramen zeigt), ich kann auch Gebiete
suchen und im Leben hervorheben,
wo ich mit ihm übereinstimme, ich kann
aber nicht die anthroposophischen Grundwahrheiten
und seine Ansichten als gleichwertig
anerkennen, kann sie nicht als
gleichgültig ansehen, weil sonst alle Erkenntnis
(wie es der Sprachgenius ausdrückt)
gleichgültig würde. Selbstverständlich
muss man tolerieren, dass der
andere wiederum seine Ansichten für
wertvoller hält. Einen solchen Unterschied
zu ertragen ist nicht einfach, aber es ist sozial
wertvoller, als durch Verwischen der
Unterschiede einen faulen Frieden zu
schaffen, wie Christian Morgenstern sagt.
Dieser Pluralismus ist ja auch nicht Ziel,
sondern erstrebenswert ist zunächst der

Dialog.Wenn ich in Freundschaft und ohne
Bekehrungseifer mit einem Menschen
über die Glundwahrheiten diskutiere, der
sie ablehnt, so kann durch seine Einwände
mein Verständnis für diese Crundwahrheiten
vielseitiger und seine Einwände können
abgeschwächt werden, sodass man
sich auch inhaltlich näherkommt.-

Grenzen derToleranz
lm sozialen Zusammenleben istToleranz
einewichtige Kunst,aber bei sozialen Zielen
gibt es keineToleranz,denn auch hier gibt es
anthroposophische Wahrheiten. 5o ist heute
die ungebrochene Macht des Staates
^über das Bildungswesen eine Krankheit des
sozialen Organismus. Es ist bestimmt notwendig,
sich innerhalb des staatlichen Bildungswesens
um Freiräume zrbemühen,
aber letztlich kann das gesamte Bildungswesen
nur in Freiheit überleben.
Ebenso kann erkannt werden, dass echte
religiöse Toleranz unabdingbar an die
Trennung von Staat und Religion geknüpft
ist. Man darf auch nicht vergessen,dass die
Religion letztlich das Ziel hat, die Menschenseelen
mit der Geistwelt zu verbinden
Wenn die Kunst ihre heute so wichtige
soziale Kraft voll entfalten soll, darf sie ihre
Aufgabe im Sinne anthroposophischer Erken-
ntnis nicht außer Acht lassen, durch
das sinnlich Wahrnehmbare das Geistige
scheinen zu lassen, auch wenn es heute
über den Weg dazu kaum Übereinstimm-
ung gibt.
lm individuellen Handeln, das die Anthroposophie
als Grundlage einbezieht,
wird die eingangs geschilderte Diskrepanz
aufgehoben, weil man auch im gewöhnlichen
Bewusstsein freier Geist sein ka n n.
Auch das Selbstbewusstsein wird erhöht,
insbesondere wird das Denken verlebendigt,
das lch-Bewusstsein erhöht und der
Wille in seiner Wesenhaftigkeit erlebt.
Die völlige Überwindung des ,gewöhnlichen
Bewusstseins, geschieht freilich
durch den anthroposophischen Schulu-
ngsweg. Allerdings gibt es auch hier zwei
einseitige Haltungen, die ich am Bild der
Schule verdeutlichen möchte: Eine Schule
darf sich nicht im ständigen Wiederholen
erschöpfen, bei dem man nie in eine höhere
Klasse versetzt wird, sondern immer
wieder ,sitzen bleibt,. Sie darf aber auch
nicht fast ohne innere Arbeit ein Praktikum
an das andere reihen

Selbstständige Geistesforschung

Es ist beim Schulungsweg eben ganz
entscheidend, dass man, wenn auch noch
so keimhaft, zur wirklichen Begegnung mit
der Geistwelt kommt, denn das verwandelt
das Leben grundlegend zum Spirituellen
hin, wie viele Nahtoderfahrungen zeigen.
Der Schulungsweg soll zur selbstständigen
Geistesforschung führen. Diese Fortsetzung
 der Anthroposophie wird immer
notwendiger und tritt in der Gegenwart erfreulicherweise
auch immer mehr an die
Öffentlichkeit    ( zum Beispiel Judith von
Halle,  Verena Staöl von Holstein,  Hermann

Keimeyer ). -  -   - Zu wünschen ist, dass die Forschenden
durch ihre Einsichten Begeisterung
in anderen Menschen dafür erwecken
und fördern, das eigene Bewusstsein zu erweitern,
aber auch schon im gewöhnlichen
Bewusstsein Verantwortung für die
Menschheitszukumft im Sinne der,Philosophie
der Freiheit, zu übernehmen ---  !   Hermann Bauer